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OrganisationssoziologieSolidarität mit Solo-Selbständigen: Ambivalenzen der Soforthilfen

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Solidarität mit Solo-Selbständigen: Ambivalenzen der Soforthilfen

Mitte März 2020 verkündeten Bund und Länder ein Soforthilfeprogramm für Selbständige und Unternehmer, die durch die im Rahmen der Corona-Pandemie verhängten Ausgangsbeschränkungen mit Umsatzeinbußen kämpfen (BMF 2020, Senatsverwaltung Berlin 2020). Eine wesentliche Zielgruppe dieser Sofortmaßnahmen waren Solo-Selbständige, also jene Personen, die ohne Mitarbeiter selbständig erwerbstätig sind (Brehnke/Beznoska 2016, 17). Innerhalb weniger Tage nahmen Hunderttausende Solo-Selbständige die Soforthilfen an. Die öffentliche Bewertung dieser Maßnahme änderte sich im Zeitverlauf stark: Nach anfänglicher Zustimmung wurde Kritik laut an Mitnahmeeffekten oder Missbrauch (bspw. RBB 24, Tagesschau 2020).

Soforthilfen für Solo-Selbständige stellen einen gesellschaftlichen Akt der Solidarität mit dieser spezifischen sozialen Gruppe dar. Dieser überrascht, da Solo-Selbständige am Rande des wohlfahrtstaatlichen Solidaritätssystems stehen und in einer Sonderstellung zum Sozialversicherungssystem (Schulze-Buschoff 2018) verweilen. Zugleich sind die Solo- Selbständigen eine sehr heterogene Gruppe. Dies zeigt sich nicht nur in einer großen Vielfalt an Erwerbstätigkeiten, sondern auch an einer ausgeprägten Einkommensspreizung (u.a. Brenke 2016; Fachinger 2016). Neben den selbständig Erwerbstätigen mit großem ökonomischem Erfolg gibt es viele Solo-Selbständige, die dem „prekären Unternehmertum“ (Bührmann und Pongratz 2010) zugerechnet werden können.  Im Jahr 2017 erzielten 41,6% aller Solo-Selbständigen monatliche Nettoeinkünfte von unter 1.500 Euro (IfM 2018).

Durch die Soforthilfen werden Solo-Selbständige nun pauschal als besonders schutzbedürftige Gruppe ausgewiesen. Allerdings birgt sowohl die Auflage dieses Programms als auch dessen Inanspruchnahme Risiken. Ambivalenzen für die gesellschaftliche Akzeptanz der politischen Maßnahme und der sozialen Gruppe sowie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Hier setzt das Projekt an: Am Beispiel der Soforthilfen für Solo-Selbständige erforschen wir, unter welchen Bedingungen Hilfen für spezifische Gruppen gesellschaftliche Akzeptanz finden. Wir fragen: Welche Ambivalenzen zeigen sich in der Soforthilfe für Solo-Selbständige? Wie verändern sich diese im zeitlichen Verlauf der Pandemie? 

Um die Ambivalenzen gesellschaftlicher Solidarität am Beispiel der Soforthilfen für Solo-Selbständige zu erforschen, nehmen wir eine doppelte Perspektive auf die damit verknüpften Zuschreibungen und Bedingungen vor. Aus der Außenperspektive untersuchen wir die gesellschaftliche Ebene, indem wir die Positionen, Bewertungen und Sichtweisen politischer Akteure und Medienvertreter erfassen. Dieser stellen wir einen Binnenperspektive gegenüber und untersuchen, wie Solo-Selbständige die Soforthilfe und die mit ihrer Inanspruchnahme verknüpften Zuschreibungen erfahren, aus welchen Motiven und unter welchen Bedingungen sie dieses Angebot annehmen – oder eben auch nicht annehmen – und wie dies ihr Handeln beeinflusst. Im Zuge unseres qualitativen Vorgehens werden problemzentrierte Interviews mit beiden Akteursgruppen in zwei Erhebungswellen geführt. Die Auswertung mittels Grounded Theory ermöglicht, Muster gesellschaftlicher Solidarität mit Solo-Selbständigen, ihrer Wahrnehmung und sich verschiebender Ambivalenzen im Verlauf der Pandemie nachzuzeichnen. So identifizieren wir gesellschaftliche Bedingungen für die Akzeptanz von Hilfen für spezifische Gruppen, was zur sozialverträglichen Bewältigung zukünftiger Krisen beiträgt.

Finanziert durch: Berlin University Alliance

Zeitperiode: 2020

Projektleiterinnen: Isabell Stamm, Lena Schürmann

Projektmitarbeiterinnen: Isabell Stamm, Lena Schürmann, Katharina Scheidgen, Lena Himmler, Katrin Lauterbach

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